JULIUS-SCHNIEWIND-HAUS e.V.

Geistliche Einkehr- und Begegnungsstätte

Seelsorge- und Tagungsheim in der Evangelischen Kirche

Lebenszentrum der "Schniewind-Haus-Schwesternschaft"

 

Andacht

 

 

“Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1,17-18

 

Es ist eine altkirchliche Tradition, dass sich diejenigen, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben, besonders gern in der Osternacht taufen lassen. Warum? Offensichtlich deshalb, weil die Taufe eine Beziehung zum Kreuzestod  und eben auch zur Auferstehung Jesu herstellt. Während wir am Karfreitag die Tatsache feiern, dass Jesus unsere Lebens-schuld übernommen und vor Gott in gültiger Weise gesühnt hat, bejubeln wir am Oster-morgen das neue Leben, das aus der Gemeinschaft mit Jesus hervorgeht. Wer nämlich sein Leben Jesus Christus übereignet, erlebt den Durchbruch einer ganz neuen Existenz, die der Apostel Johannes als ‚Wiedergeburt’ bezeichnet (Joh 3,3). Anders gesagt: Die Kraft der Gemeinschaft mit Jesus führt dazu, dass Halsabschneider wie Zachäus ihren Betrug offen-legen und wiedergutmachen (Luk 19,1-10). Prostituierte wie die Frau in Luk 7,36ff erlangen Vergebung und wechseln daraufhin ihren Beruf. Großmäulige Machos wie Petrus scheitern an sich selbst und werden durch Jesus liebevoll aufgerichtet (Joh 21). Hinzu kommt der Umstand, dass Jesus allen seinen Jüngern ewiges Leben zugesichert hat, was bedeutet, dass die unmittelbare Gemeinschaft mit Gott nicht am Grabstein endet, sondern über den Tod hinaus besteht. Weil diese lebendige Beziehung mit Jesus so real und gleichzeitig so verheißungsvoll ist, lassen sich viele Christen gern in der Osternacht taufen.

 

Natürlich dürfen an dieser Stelle die Stimmen der Kritiker und Nörgler nicht fehlen, die das alles für ausgemachten Blödsinn halten. Die ernsthafte Erwartung einer Totenauferstehung ist in ihren Augen nichts anderes als ein mittelalterliches Relikt vormodernen Denkens, dass unter gebildeten und aufgeklärten Menschen nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Außerdem sind die Kirchen alles andere als Institutionen der Seligkeit, wenn man nur mal an die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen denkt, die von Pfarrern und Priestern verübt wurden. Ist das ganze Gerede von Jesus und dem neuen Leben auf diesem Hintergrund nicht obsolet?

 

Keinesfalls, denn unser Bibelvers spricht ja gerade davon, dass der Glaube von der Begegnung mit dem Auferstandenen lebt. Dieses ‚Fürchte dich nicht!’ ist eine Ermutigung, die der Apostel Johannes von Jesus selbst zugesprochen bekommt, als er ihm im Rahmen einer Vision unmittelbar gegenüber steht. Auch Christen versagen und werden auf vielfältige Weise an ihrem Nächsten schuldig. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass sie immer wieder neu zum Kreuz kommen, ihr Versagen vor Gott und Menschen aufrichtig bekennen und so Vergebung erlangen. Wer diesen Weg beschreitet, wird zwar gedemütigt, aber durch das vergossene Blut Jesu auch gereinigt und somit zum Neuanfang befreit. Denn eines ist klar: Die Erneuerung unseres Lebens beginnt immer mit der Reinigung des Herzens. Nur wer das immer wieder neu an sich geschehen lässt, erfährt das Wachstum des neuen Lebens aus Gott. Ihm gilt dann aber auch das Wort Jesu: Fürchte dich nicht (weder vor Gott noch vor Menschen)! 

 

Allen denen, die darunter leiden, dass sie sich bestimmte Fehltritte selber nicht vergeben können, sei an dieser Stelle gesagt: Achte auf den, der zu dir sagt: Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Wenn jemand qualifiziert ist, die Frage der Vergebung endgültig zu entscheiden, dann ist es Jesus. Er ist ‚der Erste’, will heißen: Er kannte dich, lange bevor du überhaupt existiertest. Es gibt nichts an dir, dass ihn überraschen könnte. Und er ist zugleich ‚der Letzte’, vor dem du dein Leben einmal verantworten musst. Wenn nun dieser Jesus dich freispricht, dann bist du wirklich frei, ganz egal was dir deine Emotionen und deine Nachbarn sagen, oder was der Teufel dir zuflüstert. Jesu Wort gilt! Er ist der Lebendige, der dir immer neu Anteil an seinem Kreuzestod und an seinem Auferstehungsleben gibt. Schließlich ist er der Einzige, der von sich sagen kann: Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das Osterfest erinnert uns in besonderer Weise daran, dass Jesus die Macht des Todes überwunden hat. Der Tod ist nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift nämlich nicht nur ein Ereignis, sondern eine Macht, die uns vom Leben und damit von Gott trennen will. Deshalb lesen wir in Röm 6,23: „Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm HERRN.“ Wer nun seine Sünde vor Gott und Christus Jesus bekennt, empfängt nicht nur Vergebung seiner Schuld, sondern auch die Zusage ewigen Lebens, das in dieser Zeit bereits anbricht. In Hebr 6,4-5 ist deshalb davon die Rede, dass Christen bereits auf der Erde ‚die Kräfte der zukünftigen Welt schmecken’ bzw. erfahren können. Dazu gehört auf jeden Fall die Erneuerung unseres alltäglichen Lebens. Wer seine Steuererklärung ehrlich gestaltet, wer seinem unsympathischen Nachbarn eine unerwartete Freude bereitet oder wer dazu übergeht, nach einem Ehezwist den Fehler zuerst bei sich zu suchen, erlebt etwas von dieser neuen Qualität des Lebens aus Gott. Es ist wie eine Quelle, die in uns aufbricht und dadurch heilsame Veränderungen aufwachsen lässt.

 

Die große Freude des Osterfestes besteht folglich darin, dass Jesus Herr jeder Lage ist. Keine Sünde ist so schmutzig, dass ER sie nicht vergeben kann. Kein Schaden ist so groß, als dass ER ihn nicht heilen könnte. Keine Krise ist so ausweglos, dass Jesus überfordert wäre Hoffnung zu spenden. Kein erlittenes Unrecht ist so mächtig, dass ER nicht etwas Gutes daraus machen könnte. – Sexueller Missbrauch ist eine schlimme Sünde, zumal die Täter das Leiden der Opfer nicht ungeschehen machen können. Keine Geldzahlung kann die Schmerzen der Opfer aufwiegen und keine Entschuldigung kann die Betroffenen ausreichend trösten. Es ist jedoch möglich, dass Jesus dazwischen tritt, indem er den Tätern vergibt und den Opfern Heilung schenkt. Dazu ist es erforderlich, dass sowohl die Schuld als auch der Schaden zu IHM gebracht werden. Schließlich sagt er von sich: „ICH habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“. Menschliche Instanzen sind zwar von zivilrechtlicher Bedeutung, aber sie haben weder Macht über die Herzen noch über die Ewigkeit. Diese Schlüsselgewalt hat nur Jesus, weshalb an IHM vorbei kein Lösungsansatz funktioniert. Wo jedoch Schuld bekannt und Vergebung erteilt wird, kann das Fest der Auferstehung in seiner wahren Bedeutung jetzt und hier erlebt werden. Die Kraft des neuen Lebens aus Gott ist eine Erfahrung, die unser gegenwärtiges Dasein erneuert sowie Zukunft und Hoffnung verleiht.

 

Damit grüßt Sie ganz herzlich

 

Ihr 

Pastor Tobias Rink

 

  

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